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NZZ am Sonntag

 

Neue Zürcher Zeitung

BE.ft

Mittwoch, 27.05.2009 / 10


Neues aus dem Reich der Primzahlen

 

Ungleiche Verteilung der ersten Ziffern

   Primzahlen gelten als die «Atome des Zahlenreiches». Seit Jahrtausenden erforscht, bieten sie auch heute noch Stoff für Überraschungen. Zwei spanische Mathematiker haben kürzlich entdeckt, dass die vordersten Ziffern der Primzahlen ungleich verteilt sind.

   gsz. Primzahlen - Zahlen, die nur durch eins oder sich selbst dividiert werden können - faszinieren die Menschheit seit Jahrtausenden. Schon die alten Griechen untersuchten diese Atome des Zahlenreiches, und auch heute noch bilden sie ein fruchtbares Forschungsgebiet. Kürzlich haben zwei spanische Mathematiker in der Folge der Primzahlen ein Muster entdeckt, das bisher unbemerkt geblieben war.1

Suche nach Mustern in der Verteilung

   Wie die Primzahlen innerhalb der Folge aller ganzen Zahlen verteilt sind, ist bis heute nicht bekannt. Zwischen 1 und 1000 gibt es zum Beispiel 168 Primzahlen, zwischen 100 000 und 101 000 bloss 81. 1792 fand der damals 15-jährige Carl Friedrich Gauss eine Formel, welche die Häufigkeit der Primzahlen näherungsweise angibt. Zweihundert Jahre später, im Jahre 1896, bewiesen Charles de la Vallée-Poussin und Jacques Hadamard unabhängig voneinander, dass eine Variante dieser Formel tatsächlich richtig ist. Aber viel mehr ist zur Verteilung der Primzahlen auch heute nicht bekannt, ausser der Tatsache, dass diese Verteilung eng mit den Nullstellen der sogenannten Riemannschen Zeta-Funktion zusammenhängt.

   Bartolo Luque und Lucas Lacasa von der Universidad Politécnica in Madrid beschäftigten sich allerdings mit einem anderen Aspekt der Primzahlen, nämlich der Verteilung ihrer führenden Ziffern. (Die Primzahlen 23, 271 und 2087 haben zum Beispiel die 2 als führende Ziffern.) Man würde meinen, dass je etwa ein Neuntel der Primzahlen mit den Ziffern 1 bis 9 beginnen. Für die unendlich grosse Menge von Primzahlen wurde tatsächlich bewiesen, dass die führenden Ziffern gleichmässig verteilt sind. Aber bei beschränkten Zahlenfolgen sieht es anders aus, wie die beiden Mathematiker herausfanden. Wenn bloss Primzahlen bis zu einer gewissen Obergrenze betrachtet werden, gehorchen die führenden Ziffern einer sogenannten Benford-Verteilung.

   Benford-Verteilungen wurden 1938 durch den Physiker Frank Benford bekannt gemacht. Er hatte bemerkt, dass in empirischen Datensätzen (etwa Börsenkursen, Bilanzen von Firmen, Längen von Flüssen oder der Einwohnerzahl von Städten) die führenden Ziffern der Zahlen nicht gleichmässig verteilt sind. In 30 Prozent der Fälle erscheint die 1 als führende Ziffer, in 18 Prozent die 2 und so weiter bis zur 9, die in weniger als 5 Prozent der Fälle an erster Stelle steht. Das Phänomen lässt sich in vielen Fällen durch Wachstumsprozesse erklären. Zum Beispiel benötigt eine Aktie, deren Wert jährlich um 10 Prozent zunimmt, acht Jahre, um von einem Kurs von 100 Franken auf 200 Franken zu gelangen, aber bloss zwei Jahre, um von 800 auf 900 Franken zu wachsen. Deshalb gibt es, wie man auf den Börsenseiten jeder Tageszeitung nachprüfen kann, viel mehr Aktienkurse mit einer führenden 1 als mit einer führenden 9.

   Der Befund von Benford lässt sich auf Datensätze verallgemeinern, die durch Potenzgesetze der Form 1/x^alpha generiert werden. In solchen Fällen genügen die führenden Ziffern der Zahlen einer verallgemeinerten Benford-Verteilung, in die der Parameter alpha eingeht. Dabei gilt: Je grösser der Parameter alpha ist, desto stärker weichen die führenden Ziffern von einer Gleichverteilung ab. Die normale Benford-Verteilung ergibt sich für den Spezialfall alpha =1, während alpha=0 einer Gleichverteilung entspricht.

Ursache unklar

   Zu ihrer Überraschung stellten Luque und Lacasa fest, dass die führenden Ziffern der Primzahlen ebenfalls einer verallgemeinerten Benford-Verteilung gehorchen, wenn die Menge der Primzahlen nach oben begrenzt ist. Unter den Primzahlen, die kleiner sind als 10 000, weisen 13 Prozent eine führende 1 auf; die Häufigkeiten nehmen dann ab bis zur 9, die bloss in 10,3 Prozent der Fälle als führende Ziffer auftritt. Ausserdem stellten die beiden fest, dass sich die führenden Ziffern der Gleichverteilung nähern, je höher die Obergrenze gesetzt wird. Bei Primzahlen bis zu hundert Milliarden betragen die Prozentsätze zum Beispiel 11,7 für die 1 und 10,8 für die 9.

   Es gibt keinen ersichtlichen Grund dafür, dass Primzahlen einer Benford-Verteilung gehorchen sollten. Deshalb können die Verfasser des Artikels über die Ursache des Phänomens bloss spekulieren. Wie der junge Gauss entdeckt hatte, ist die Wahrscheinlichkeit, beim Ziehen einer Zahl zwischen 1 und x zufällig eine Primzahl zu erwischen, näherungsweise 1/log x. Die formale Ähnlichkeit dieses Ausdrucks mit einem Potenzgesetz lässt die Autoren vermuten, dass dies die Ursache für das neu entdeckte Muster der Primzahlen sein könnte.

   1 Proceedings of the Royal Society A. Online-Publikation vom 22. April 2009 (doi: 10.1098/rspa.2009.0126).


© 2009 Neue Zürcher Zeitung

 

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